Fernschreiber

Ein Tag im Leben unseres Chefredakteurs

Wohngemeinschaft in Hamburg (GE) Dieser Artikel braucht keine Einleitung.

06:49 – Ich stelle mir meinen Wecker immer um diese krumme Zeit. Wieso weiß ich nicht? Mache ich aber schon seit Jahren so. Während der Abi-Zeit habe ich das auch schon gemacht, obwohl meine S-Bahn sich bereits um 06:45 auf den Weg zur Schule gemacht hat. Nachdem ich mich aus meinem Frotti-Schalfanzug gepellt habe und mich auf dem Weg ins Bad machen, stolpere ich im Flur über unseren Kolumnisten den KAHLSCHLAG. Hat es wohl nicht bis ins Bett geschafft. Als ich frischgeduscht aus dem Bad komme ist der KAHLSCHLAG verschwunden. Ist ja auch gleich 07:30 durch. Haben ja um 9:00 unsere tägliche Redaktionskonferenz.

08:23 – Auf mein Smartphone starrend betrete ich unser Verlagsgebäude. Unserer Empfangsdame nicke ich nur kurz zu, während mich die Türen des Fahrstuhl umschließen, um mich in die Redaktionsräume des Gesellschafts-Echo zu bringen. Am Schreibtisch angekommen höre ich einen lauten Auspuff, rieche für einen kurzen Moment verbanntes Gummi und ein merkwürdiges Magengefühl macht sich breit. Muss kurz ignoriert werden. Auf meinem Schreibtisch liegt bereits die von unseren Herausgeber ergänzte Agenda für unsere Redaktionskonferenz bereit. Die handschriftliche Notiz hätte er sich auch sparen können: „Hier ist eine Notiz“, steht in Versalien ergänz auf der Agenda. Ich mache mich auf den Weg in den Konferenzraum II.

08:59 – Man kann tatsächlich sagen, was man möchte. Aber alle in der Redaktion sind immer pünktlich. Außer unser Herausgeber. Der kommt immer zu spät. Den brauchen wir aber nicht wirklich. Der ist nur für die Kalauer zuständig. Als hätte ich es vorhin geahnt, pöbelt Dr. P wirres Zeug über brennende Winterreifen. War es also sein Ford KUGA mit durchdrehenden Reifen auf dem Verlagshof. In Windeseile besprechen wir die Eilmeldungen des Tages. Mir werden elf Manuskripte zum Checken hingelegt, die ich redigieren und freigeben muss. Ich verspreche allen, dass dies von mir noch heute erledigt wird. Das ich Sie anlüge und mit unserem Herausgeber um 11:00 auf dem Weihnachtsmarkt verabredet bin, lasse ich kurz unter den Tisch fallen.

09:31 – Wollte gerade die Konferenz beenden, da kommt unser Herausgeber mit unseren Kolumnisten Patrick P. Flausch in den Konferenzraum und stellt sich direkt zwischen Fax und Flip-Chart. Es gebe etwas personelles zu verkünden. Von einem Personalwechsel weiß ich eigentlich nichts. Lasse mir meine Unwissenheit nicht anmerken. Das war vielleicht der Grund für drölfzig Anrufe gestern Nacht und der Mailboxnachricht, die ich noch nicht abgehört habe. Unser Herausgeber verkündet vor dem gesamten Team, dass Patrick P. Flausch mit sofortiger Wirkung aus dem Polit-Resort der F.A.Z. zurückgeholt wird und seine Arbeit als Kolumnist beim Gesellschafts-Echo wieder aufnimmt. Wir haben ihn angeblich aus seinem Vertrag herausgekauft. Ich vermute eher, dass er Herrn Flausch einfach in seinen Wagen eingeladen hat und ihm gesagt hat, das er aus seinem Vertrag herausgekauft wurde. Das wäre dann eine neue Form der Geiselnahme und der nächste Tiefpunkt unserer langjährigen Zusammenarbeit.

11:00 – Habe mich mit unseren Herausgeber durch den Hinterausgang zum Weihnachtsmarkt geschlichen. Wir trinken jeder fünf Glühwein, ohne dabei ein Wort über die strategische Ausrichtung der nächsten Ausgabe zu sprechen. Habe immer noch kein einziges Manuskript redigiert. Egal, ich gebe ja auch die Abgabetermine vor.

14:30 – Wir haben eine neue Headline-Srategie für unsere Abo-Werbemittel. Unsere Werbeagentur stellt uns stolz Ihre aufgeklebten Layouts auf viel zu teuren schwarzen Pappen vor: „Mit uns an der Spitze haben Sie die Garantie auf eine deviante Fertilisations-Hypothese.“ Unser Herausgeber kann sein breites Pferdegrinsen nicht verbergen. Mist, es gefällt ihm. Das muss ich ihm erstmal wieder mit stundenlanger Geduld ausreden. Unser Praktikant kann seine Blicke nicht von den schwarzen Pappen lassen. Ich schreibe in mein Mont Blanc-Notizbuch: Unseren Praktikanten Schere, Malbuch und Tuschkasten schenken.

16:20 – Schicke unseren Praktikanten zu Mutterland um für einen treuen Abonnenten einen kleinen Fresskorb mit Hamburger Motivkeksen zu kaufen. In Wahrheit ist der für mich. Habe Kohldampf. Als er wiederkommt, tausche ich den Fresskorb gegen einen Stapel Manuskripte zum redigieren für ihn. Zufrieden schiebe ich mir die Motivkekese rein und freue mich wieder über das Raucherlätzchen. Läuft bei mir.

17:00 – Das Meeting steht schon lange im Kalender. Kann also nicht verschoben werden. Unsere Kolumnisten haben eine PowerPoint-Präsentation vorbereitet, wie Sie ihre Kolumnen strategisch in die gedruckte Ausgabe des Gesellschafts-Echos unterbringen wollen. Ich nicke jeden Vorschlag einfach durch. Heute ist kein Tag der konstruktiven Diskussion. Merke immer noch die fünf Glühwein mit unserem Herausgeber.

17:30 – Letzter Termin für heute, aber ein Meilenstein für das Gesellschafts-Echo. Für unsere erste Dummy-Ausgabe habe ich mit unserem Herausgeber Proof-Abnahme bei der Druckerei. Wir schauen uns jede Seite, jedes Wort, jedes Detail an. Ich bin verblüfft, wie viel Ahnung er hat. Er sprich mit dem Produktioner über Achsen, Bündigkeiten, Deckungskraft und Kontrasten von Bildern. Ich brülle abwechselnd immer wieder: „Magenta, viel mehr Magenta“ oder „ganz klar, da müssen wir viel mehr schwarz fahren. Die Druckmaschinen müssen mehr schwarz fahren.“ Kriege von beiden immer nur skeptische Blicke, aber immerhin habe ich irgendetwas dazu beigetragen.

18:42 – Feierabend. Alles freigegeben. Morgen früh geht die erste Ausgabe des Gesellschafts-Echo in den Druck. Schicke noch eine letzte Mail des Tages mit fünf Rechtschreibfehlern an die gesamte Redaktion, in der ich mich für den ganzen Einsatz bedanke.

19:13 – Bin schon wieder mit unseren Herausgeber auf dem Weihnachtsmarkt. Hoffentlich werden diese Buden bald abgebaut….

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*