Fernschreiber

Studium: Survival of the fittest

Nur die Stärksten kommen durch: Die Lage an deutschen Hochschulen gleicht einem Kräftemessen

Sapere aude! Sagte einmal jemand, auf den man sich in Europa und in Deutschland im Speziellen gerne etwas einbildet

Befreiung durch die eigene Vernunft, mündiger Bürger sein – klingt gut und so, als wolle man sich mit diesem Gedanken identifizieren: Mündig? Klar. Vernünftig? Total.

Sieht man aber genauer hin, denkt niemand selbst. Man stagniert, klebt, zieht Fäden wie geschmolzener Käse, der sich nicht von der Pizza lösen will. Abgeklärt sind vielleicht manche von uns, und ungeklärt ist beinahe alles, aber aufgeklärt -genug! Es wird bereits gegähnt.

Schauen wir genauer hin:

Eine Hochschule, noch vor Bologna ein Ort der Möglichkeit zur eigenen Entfaltung, zum Streben nach wirklich Neuem, oder auch nur zum jahrzehntelangen Studium von Geisteswissenschaften, als ästhetischere Alternative zur Langzeitarbeitslosigkeit.

Eine deutsche Hochschule also. Weltweit bewundert, Absolventen mit Handkuss übernommen.

Aus, Affe tot: Bolognalisiert, globalisiert.


19-jährige
Studierende füllen die Hörsäle und Seminarräume, beinahe perfekt nach Geschlechtern und Studiengängen getrennt: Trans-Gender-Skills als angesagtes Schlagwort in den Köpfen und auf Jutebeuteln, genauso hip wie veganes Fastfood. Konkret und direkt allerdings: Volkswirtschaftslehre für Herren, Erziehungswissenschaft für die Damen.

19 Jährige also sitzen hinter ihren MacBooks und lernen auswendig. G8 hat die Gymnasien auf Vordermann gebracht: Der Inhalt von etwas Gelerntem muss nicht zwingend verstanden werden- solange er nur korrekt und in irgendwie passenden Situationen wiedergegeben werden kann.

Mündigkeit für den großen Haufen? Am Arsch. Dafür wissenschaftliche E-Journals auf Smartphones.

Da stehen sie und dozieren, die letzten Prä-Bologna-Gelehrten, die ihre eigene Vernunft einsetzen sollen, um zu einem Publikum zu sprechen, das wie fleißige Ameisen CTS sammelt, den gutaussehenden Prof fotografiert und verschickt und bereits während der Vorlesung in Social-Media-Netzwerken über doofe Texte jammert, die nicht zu verstehen sind.

Wer darüber eine Information verpasst, schickt einfach einen kurzen Hilferuf per favorisiertem Kurznachrichtenprogramm in die Sitzreihen weiter vorne. Hanna Arendt? Ist das nicht die neue Geliebte von Oliver Pocher? Doch, doch, ist sie, Glück gehabt.

Vielerlei Um- und Neudefinierungen sind seit Bologna und G8 passiert:
Anglizismen haben über Latein gesiegt – früher hieß das Magister- Geisteswissenschaftler sind wie gesagt gleichzusetzen mit Langzeitarbeitslosen. Wer die Regelstudienzeit übertritt, wird garantiert keinen Job bekommen. Selbst der Begriff Kinder-Arzt bekam eine neue Bedeutung: Wer mit 17 Jahren das Abitur besteht, hat hohe Chancen mit 23 das Medizinstudium abgeschlossen zu haben und eine Assistenzarztstelle anzutreten.

Nach dem Bachelor wird man Personal-Assistent oder Health-Nutrition-Coach. Man macht seinen Master in Accounting and Finance oder in International Business Administration.

Überhaupt vollzieht sich die Anglisierung des und der Deutschen immer weiter und weiter. Ein Phänomen, das man an sich nicht verurteilen könnte, wäre die ganze American-Nummer seit einiger Zeit nicht so negativ konnotiert.

Kant, der vermehrt mit C und U geschrieben wird, würde sich im Grabe umdrehen, aber das ist uns egal.

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