Fernschreiber

Entdeckt: Gesellschafts-Echo findet einen Leser

Das unvorstellbare ist Geschehen: wir trafen einen LESER

Süllberg, Elbvororte (GE)

„Sir, noch etwas von dem offenen Romanée-Conti oder darf ich Ihnen den 82er Lafite dekantieren?“ fragt mich Amel höflich und beugt sich dabei etwas zu weit zu mir an den Schreibtisch herunter. Wieder drängt sich mir seine viel zu ernste Miene im sonst so jugendlichen Gesicht auf. Finster blicke ich ihn an, hoffentlich entgeht ihm mein strafender Blick nicht. Eine solche Distanzlosigkeit gestehe ich eigentlich nur unserem Herausgeber zu und auch nur, weil ich bei der letztjährigen Weihnachtsfeier seiner Ex-Frau unaufgefordert ein Samenpaket zustellte. Portofrei. Trotz meiner schwäbischen Wurzeln soll mir später niemand Knausrigkeit nachsagen.

„Beides! Und macht nichts wenn’s schnell geht!“ erwidere ich, vermutlich einen Hauch zu barsch. Leider kann ich meine Verärgerung nicht verbergen. Spricht der Junge noch immer nicht richtig Deutsch – fängt aber übermütig schon mit dem Französisch an. Im Geiste winke ich ihm energisch mit dem erhobenen Zeigefinger. Pure Selbstüberschätzung. Wie bei Trump und dem Präsidentschaftskampf. Bei diesem Gedanken stolpert meine Stimmung eine weitere Stufe runter Richtung Kerker.

Während meines sinnvollen Gedankengangs hat sich Amel bereits geräuschlos in Richtung Weinkeller, zwei Stockwerke unterhalb meiner Bibliothek Schrägstrich Büro, entfernt.  An hektischen Tagen ertrage ich das Gewusel der Redaktionsräume in der City nicht und mache gerne Überstunden daheim – und gelegentlich am Glas. Arbeiten kann ja so befreiend sein…

Durch die offen stehende Doppeltüre dringt schon das Quietschen der letzten drei Treppenstufen. Amel muss den Sprint seines Lebens hingelegt haben, nichtmal eine Minute war er weg.

„Wo kein Schnee liegt, darf gelaufen werden“ schreie ich ihm gespielt ungeduldig zu und versuche dabei meine Mimik zu verhärten, als unterhielte ich mich mit einem Zeugen Jehovas.

„Sir, wo darf nicht gelaufen werden?“ fragt er mich keuchend und nun vor mit stehend.

„Schnee Amel, Schnee. Dass ist dieses weiße Zeug, worauf man im Winter Sport macht. Nicht wie Christoph Daum, der macht immer Sport auf Schnee, auch im Sommer“, erwidere ich und bezweifle, dass Amel die Informationen hinter dieser treffenden Aussage begreift. Amel ist erst seit sieben Monaten in Deutschland und davon seit vier in Hamburg. Ursprünglich kommt er aus Ar-Raqqa, einer etwas ungemütlichen Gegend Syriens und dürfte weder Schnee noch die Legende „Die Nase, Christoph Daum“ kennen. Obwohl ich diesem gescheiten Burschen alles zutrauen Würde. Leider muss ich von Zeit zu Zeit diesen herrischen Ton zu ihm pflegen, sonst bekommt er einen falschen Eindruck von unserer Gesellschaft vermittelt. Reicht schon, wenn meine Redakteure und die neue Kolumnistin sich im Verlag benehmen wie Tiere. Mal ganz abgesehen von unserem Herausgeber, dessen riesiger  Zechschlund nur noch von seiner, alles inhalierenden Lunge übertroffen wird.

„Sir, der Romanée“, holt mich Amel wieder aus meiner Reise aus Redaktionistan zurück und präsentiert mir jovial die zum Drittel gefüllte Flasche. „Den 82er Lafite dekantiere ich Ihnen und komme zum Einlassen selbstverständlich zurück.“ Instinktiv schießt mir ein Bild von einer Badewanne in den Kopf, bis zum Rand gefüllt mit Wein. „Macht außen sauber und innen heil“ könnte der Claim lauten…

Er beginnt zaghaft das Glas zu füllen. Mit geübt beiläufiger Handbewegung fordere ich zum leeren der Flasche auf und verkneife mir das sonst gängige „Mach‘ die Luft da raus!“, ich habe hier immerhin einen integrativen Auftrag zu erfüllen.

„Danke, das wäre dann erst einmal alles“, entgegne ich ihm und richte den Blick wieder demonstrativ auf die zu redigierenden Texte. Soll er ruhig denken, dass wir hier auch noch bis spät in die Nacht buckeln.

Als er um die Ecke biegt, kippe ich zufrieden den Inhalt des Decanters in mein Weinglas. Ein Hoch auf die Oberflächenspannung. Dekantieren ist heute nicht. Ich hab Durst. Erwartungsvoll gönne ich mir einen gierigen Schluck der Assemblage. Unzufrieden öffne ich die Schreibtischschublade und fingere hinter dem Duden, 1986er Ausgabe, das kleine Flässchen Magenbitter hervor. Das beruhigende Knacken beim Öffnen des Deckels deutet Frische an, die der Geschmack wissentlich niemals hält. Jägermeister, wie letzte Woche Samstag. „Ein unvergessener Tag. Eine unvergessene Nacht“ würde ich gerne ausrufen, wäre aber gelogen, Details dieser mehrstündigen Zechtour wurden nicht auf der Festplatte gespeichert.

Die leicht abstoßende Note des Magenbitters im Romanée-Lafite-Cuvée ruft kurz aufflackernde Erinnerungsfetzen auf meine Bewusstseinsoberfläche: Samstagsmittag. Weinmesse. Hitze. Stimmung. Trockenbeerenauslese. Obstler. Nacht. Studentenwohnheim. Keller. Party. Barhocker. Kolumnist. Dr. P. Sturz… Eine längere Sequenz wird deutlich: Ich beobachte aus meinen Augenwinkeln die Szene wie sich unser Kolumnist Dr. P mit einem Gast unterhält. Scheinbar ein belangloser Talk unter Wochenendalkoholikern („Wie ist der Job? Mir doch egal! Saufen? Saufen!“) bis der Doktor auf einmal  seine Augen weit aufreißt. Er ist außer sich und aufgelöst. Seine groben Arme umschließen ruckartig sein erschrockenes Gegenüber. Wie ein Urschrei hallt ein „Du ließt echt unsere Scheiss?!“ den Raum.

Liebe Leser, ein bewegender Moment, selbst für einen angeduselten Chefredakteur. Auch jetzt noch durchfährt mich ein Gefühl von Hilflosigkeit. Nach Halt suchend, flöße ich mir hektisch einen großen Schluck des Magenbitter-Weines ein. Schlucken. Magensäure bahnt sich ihren Weg. Wir geben doch 24/7 (ugs.: 31) Alles, um wirklich noch den letzten Leser zu vergraueln. Haben wir doch sogar extra eine verpflichtende Rechtschreibfehlerqoute in der Redaktion beschlossen – und dann sowas. An dieser Stelle sollte ich wohl angesichts der Möglichtkeit, dass eben dieser eine Leser diese Zeilen ließt, dankende Worte an ihn richten, dazu wird es aber nicht kommen.

Lieber Leser, du der eine, wir sehen uns wieder, im Keller!

„Amel“ rufe ich in Richtung Treppenhaus, „bereite mir das Bett, ich möchte Liebe mit mir machen“. Für den letzten Schluck meines Trunkes halte ich mir die Nase zu und wanke glückselig gen Melkung.

 

 

 

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