Fernschreiber

Broad minded

Oder vom Luxus der Toleranz und davon, wie man diesen nach Möglickeit erhalten kann

250 Jahre nach der Aufklärung ist man gelandet im Zeitalter der Toleranz. Beziehungsweise der TOLERANZ, genau, TOLERANZ wird bei uns nämlich ganz groß geschrieben. Auf jeder einzelnen Fahne, die man so schwenkt. Ganz egal, ob man zur avantgardistischen US-Bevölkerung oder zum oldschool-Chic Mitteleuropas gehört- der kleinste gemeinsame Nenner ist die TOLERANZ, die wir uns alle auf’s Banner geschrieben haben.

Wir sind TOLERANT gegenüber Menschen aus Schwellenländern (solange sie uns nicht auf der Straße nach Kleingeld anhauen) TOLERANT gegenüber dem Kleinbürgertum, TOLERANT sogar gegenüber Menschen, die ihre Kinder Maurice nennen (Kevin ist so 90er).

Das bedeutet: Gelästert wird nur, wenn’s kaum jemand hört.

Unsere Gesellschaft bleibt trotzdem statisch, das kann man nicht wegtolerieren. Für die Statik übrigens kann man nix, hier darf getrost verwiesen werden auf Naturgesetze: Survival of the fittest/ most educated/ best dressed.

Die liberale Elite an der Spitze der Gesellschaftspyramide also gibt den Ton an, legt fest, was geschmacklos oder intolerant ist.

Was man übrigens nicht TOLERIEREN kann ist Intoleranz. Schließlich hat man die überwunden, sie ist gefährlich, eine Massenvernichtungswaffe. Weiß man ja: Milliarden Andersartige fielen ihr während der Menschheitsgeschichte zum Opfer.

So sind nur noch die Dummen intolerant, also muss man ihnen zwar alles andere, das aber nicht nachsehen.

Wer etwas auf sich hält ist mit Homos befreundet, mag Behinderte, steht auf Neger und Ureinwohner. Kurz: Minderheiten. Minderheiten sind super, Minderheiten sind kulturell.

Sie funktionieren heutzutage als Statussymbole.

Darf man den großen Denkern glauben schenken (und das sollte man. Immerhin hat jeder der großen Denker mindestens einen Transgender-Bekannten und ist damit unanfechtbar integer), ist die ganze TOLERANZ der Grund für den Supergau im weißen Haus (da gähnt die Leserschaft. Jaaaa, Trump, schoooon wieder…hach)

Kevin nämlich, den billig-Kinderschuhen inzwischen entwachsen, hat keine Lust mehr auf Friederikes‘ diskret angewiderten Gesichtsausdruck, wenn er Maurice aus der Kita abholt, in die auch Wilhelm geht (Friederikes Sohn).

Als Klempner verdient Kevin wenig, erlangt aber bei Reparaturarbeiten am Abflussrohr im Badezimmer Einblicke in Friederikes‘ und Wilhelms‘ Zuhause, in dem Bücherregale und ein Piano von einem Milieu zeugen, dass Kevin nur aus der Ferne beneiden, aber nicht verstehen kann.

Als ihm der Meister kündigt, geht Kevin auf die Straße. Proletarier aller Länder vereinigt euch, Ausländer raus, das Volk wird nicht gehört. AfD, Pegida, Pegida, Pegida!

Aber was hat Kevin mit Trump zu tun?

Genau. Kevin ist ein mitteleuropäisches Äquivalent zum White Trash, der genug davon hat, verhöhnt zu werden. Und aus genug Masse besteht, um Trump zu wählen. Zurück zu schlagen.

Was lernen wir daraus? Dass man die Intoleranz TOLERIEREN lernen muss. Das wäre dann INTOLERANZ. Ihgitt.

Dass man sich nicht mehr über Leuten mit blondierter Dauerwelle amüsieren darf, vor allem nicht heimlich. Über Fette. Über Bildzeitungsleser.

Dass man nicht nur nett sein, sondern wirklich aufhören muss, Personen mit silikoniertem Doppel-D und Leopardenkleid insgeheim zu verachten.

Dass man nicht distinguiert sein darf.

Dass man vielleicht sogar das eigene Kind Maurice oder Chiana nennen muss, um Kevin und Mandy ein Gefühl von Homogenität und Angenommensein zu vermitteln.

Ganz ehrlich: Das ist völlig unumsetzbar. Völlig.

Da erscheint es dann doch als das kleinere Übel, sich weiter über den Mauerbau zu entrüsten.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*