Fernschreiber

Nam myoho renge kyo

Im Einklang mit dem Universum

Zweites Ziel der Reise: Angkor, Kambodscha.

Mangrovenwälder, die Khmer, Tempelanlagen, H&M, Elefanten und der Mekong. Es gibt diese Tage, da schaut man morgens aus dem Fenster und weiß, dass einem die Welt gehört. So ein Tag ist heute.

Es ist großartig hier. Die Sonne scheint. Kein Monsun.

Kambodscha ist eine Hochkultur, deren Niedergang 4000 Jahre angedauert hat. Vor einiger Zeit hatte sie den Nullpunkt erreicht. Daraufhin ist passiert, was immer passiert wenn einer blutet, draußen im Ozean: Die Haie sind gekommen. Haben gekauft und industrialisiert und jetzt hat jeder Arbeit. Wirklich jeder arbeitet, bemerkt man, wenn man durch die Straßen geht. Nicht immer ist klar, was die Leute tun. Aber immer wirken sie sehr beschäftigt. Und eigentlich immer ist klar: Als kultivierter Mensch möchte man diesen Beruf nicht unbedingt ausüben.

Als kultivierter Mensch trägt man Kleidung made in Cambodia, nutzt Elektrogeräte made in Cambodia, adoptiert Kinder made in Cambodia.

Und selbst wenn man sich nicht für kultiviert hält kann man das tun, vorausgesetzt, man ist irgendwie Europäer oder weißer US-Amerikaner.

Die Sonne scheint die ganze Zeit. Die Ampeln werden grün, weil man über die Straße geht. Man überragt die Einheimischen bei weitem, sie sind so klein, so freundlich und fröhlich. Man flaniert, probiert. Was angeboten wird ist billig und köstlich, wenn auch nicht immer klar ist, woraus es besteht.

Ein paar Kinder rennen, schreien. Verkaufen Postkarten von den Tempelanlagen, verkaufen Getränke und Früchte, klauen Handtaschen. Alles ist malerisch. Alles kostet nichts, wenn man die ganzen Zwischenhändler weg lässt. Wir sind hier am alleralleruntersten Ende der Lieferkette.

Die gesamte Bevölkerung und vor allem die Kinder profitieren von der Industrie: Soziologisch betrachtet fühlt man sich erst als vollständiges Mitglied einer Gesellschaft, wenn man seine Brötchen selbst verdient. Kambodschanische Kinderarbeiter erlangen auf diesem Weg früh ein gesundes Selbstbewusstsein.

Ich treffe die beiden am Nachmittag. Sie heißen Sokhoeun und Daru und verkaufen offenbar Postkarten. Mehr kann ich nicht erfahren, denn der Übersetzer verspätet sich.

Als er schließlich aufkreuzt, schüttelt er mir auf westliche Art die Hand und sagt: Call me Bazooka.

Marla Kolumna: Hallo, ihr beiden. Danke, dass ihr euch Zeit genommen habt. Wer seid ihr, was macht ihr, wo kommt ihr her?

Kambodschanische Kinderarbeiter: Hallo! Wir heißen Sokhouen und Daru und sind 5 und 7 Jahre alt. Wir kommen ursprünglich aus der umliegenden Provinz, leben jetzt aber am Stadtrand. Wir arbeiten in der Textilfabrik. Dort gefällt es uns gut!

MK: Bei uns in Europa gibt es immer wieder Berichterstattungen über miese Arbeitsbedingungen in der Textilbranche…?

KK: Das ist Quatsch. Wir haben regelmäßige Arbeit, täglich von 21:00 bis 09:00. Hand.- und Atemschutz haben wir auch bekommen, der wird von je einem Drittel des Lohns refinanziert. Wir verdienen so viel, dass wir an nur vier Tagen in der Woche zusätzlich Postkarten verkaufen müssen.

MK: Aha. Warum seid ihr aus der Provinz in die Stadt gekommen? Und was machen eure Eltern?

KK: Wir sind Vollwaisen, seit unsere Eltern sich weigerten, der Regierung unseren Grundbesitz zur Verfügung zu stellen.

MK: Enteignung?

KK: Kann man so nicht sagen. Uns wurde Ersatz zu Verfügung gestellt. Das Todesurteil unserer Eltern war letztendlich ihre Unfähigkeit, sich über ihr bürgerliches Besitzdenken zu erheben.

MK: Welche Art von Ersatz?

KK: (lachen) Da wohnen wir jetzt! 7qm Wohnraum am Stadtrand. Kleiner als unser altes Zuhause, aber zentrumsnahe. Manchmal gibt es sogar Elektrizität.

MK: Vermisst ihr das Leben in der Provinz nicht? 

KK. Ach, naja. So toll ist es nicht, Reis anzubauen und darauf zu warten, dass einen der Tiger frisst. Regierung und Investoren haben schließlich nur den Aufschwung des gesamten Landes im Sinn. Also: Das beste für alle! Ohne den Grundbesitz der Leute hätte die Industrialisierung nicht stattfinden können. Und das würde heißen: Keine Arbeit!

MK: Und eure Eltern?

KK: Die hätten nicht so uneinsichtig sein müssen! Auch die zweite der edlen Wahrheiten des Buddhismus sagt: Es gilt, Gier, Hass und Verblendung zu vermeiden! Hätten sie sich nicht so ans MAterielle geklammert, könnten wie ihr Andenken besser in Ehren halten.

MK: Vielen Dank! 

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