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Oh, wie schön ist Bogota

Ein Künstlerportrait

 

Erstes Ziel der Reise: Bogota, Kolumbien. Hauptstadt des Abenteuers, der Träume. Kolumbiens Hauptausfuhrprodukte sind meist besonders schöner oder besonders leckerer Natur: Kaffee, Zucker, Gold, Shakira und Schnittblumen sowie Bananen, Kokain, Smaragde, Vieh und Enrique Grau; um nur einige Beispiele zu nennen.

Natürlich exportiert das Land auch Praktisches wie Petroleum oder Kohle. Aber die Poesie überwiegt bei weitem. Darum soll das erste Hersteller-Portrait das von zwei begnadeten jungen Musikern sein, Andres und Juan-Pablo Ramirez, zwei funkelnde Sterne am Pophimmel über Bogota, die bald über der ganzen Welt scheinen werden.

In zwei Stunden wird die Sonne aufgehen. Andres, der die zweite Hälfte der Nacht Wache hatte, weckt Juan-Pablo, der auf einem weichen Lager aus Pappkartons (Bananen) schläft.

Schweigend räumen sie die Kartons in eine Nische an der Wand, die hoch genug ist, dass das fließende Abwasser sie auch dann nicht trifft wenn es steigt, weil alle Anwohner der Stadt duschen oder die Toiletten benutzen.

In der Kanalisation zu leben sei cool, erklärt Juan-Pablo, das mache sich gut in der Künstler-Vita. Sein Bruder nickt. Sie gehen zum Sponsor, dem Patron, um sich Outfits und Equipment geben zu lassen. Ein gemütlicher Mann, der Patron. Vielleicht ein bisschen jähzornig, aber schon in Ordnung. Andres zum Beispiel kann gerade nicht sprechen, weil ihm der Padron bei einer Meinungsverschiedenheit über die Gage versehentlich den Kiefer gebrochen hat.

Der Hype um die beiden ist im letzten halben Jahr enorm gestiegen, erzählt Juan-Pablo. Neue Location, viel mehr Zuhörer jetzt, differenziertes Publikum. Das wirkt sich auch auf unsere Musik aus, sagt Juan-Pablo. Wir werden vielschichtiger, tiefer. Andres nickt. 

Die meisten Künstler haben eher primitive Jobs, bevor sie von ihrer Kunst leben können

Nach dem ersten Gig des Tages verstecken beide ihre Instrumente und beginnen mit dem Broterwerb. Die meisten Künstler müssen primitive Jobs machen bevor sie berühmt werden, sagt Juan-Pablo, von irgendwas muss man ja Leben. Andres zuckt mit den Schultern. Broterwerb heißt in ihrem Fall, mit ein paar interessierten Männern mitzugehen, ihnen ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken. Kein Problem, sagt Juan-Pablo, nur die Blowjobs sind gerade etwas schwierig für Andres. Wegen des Kiefers. 

Knallbunter Pop und soulige Elemente

Wenn sie genügend Jobs gemacht haben, spielen sie wieder. Dann mischt sich der Rhythmus von Lateinamerika mit knallbuntem Pop. Soulige Elemente überraschen, die Refrains gehen ins Ohr. Die Bühnenpräsenz: Cool und authentisch. Man übertreibt nicht wenn man sagt: Man darf gespannt sein! Bald wird man auch auf unserer Seite des großen Teiches von den beiden Brüdern hören.

Gegen Abend bringen sie dem Patron die Pesos von den Jobs, die Outfits und die Instrumente zurück. Was sie mit ihrer Musik verdient haben, dürfen die beiden behalten, part of the deal mit dem Patron und Ergebnis einer Meinungsverschiedenheit (siehe oben).

Heute war ein guter Tag

Auf ihrem Plateau in der Kanalisation rauchen die beiden eine Pfeife Crack zur Inspiration. Billiger als Koks und gut für die Kunst. Ein guter Tag heute, sagt Juan-Pablo. Andres nickt. Sie freuen sich auf morgen. Juan-Pablo übernimmt die erste Wache der Nacht.

2 Kommentare zu Oh, wie schön ist Bogota

  1. Das ist das Problem bei den Künstlern: Sie arbeiten nicht hart genug und verlassen sich stattdessen darauf,vielleicht einmal entdeckt zu werden…

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