Fernschreiber

Menschheit? – stirb!

Aufgewacht. Kopf wieder schwer vom Suff gestern. Flausch, was ist nur aus dir geworden. Seit ich das herrschaftliche Anwesen meiner Eltern verlassen hatte, war mir das Glück nicht gerade hold gewesen. Aber aufgeben und meinen Eltern beichten, dass ich gescheitert war? Auf keinen Fall! Ich wollte unserem Namen Ruhm bringen. Und da derzeit kein Krieg herrscht, bei dem ich mich beweisen kann, muss es auf anderen Wege passieren. Doch zuerst brauchte ich Geld. Gerade hatte ich diesen Gedanken zuende gedacht, als mich eine Brieftaube mit einem Pergament erreichte. Das Siegel verriet, dass das Dokument von meinem guten Freund Thomas Fredrik Freiherr von Ullabricht stammen musste. Ich brach das Siegel und las die Zeilen. Eine Pferderennen! Hier in der Stadt. Mein Herz setze einen Schlag aus. Mit Pferden kannte ich mich aus. Führten wir zuhause doch ein großes Gestüt. Schnell zog ich mich an und bestieg die Kutsche. Wie wild schlug ich auf die Pferde ein, um schnell nach Horn zu kommen. Gekleidet war ich, dem Anlass angemessen, in feinstem englischen Zwirn. Doch kaum erreichte ich die Rennbahn, stellte sich schon die erste Enttäuschung ein.

Es gab keinen Platz, um mein Gefährt zu parken. Das Lumpenpack hatte mal wieder mit seinen billigen Autos alles verstellt. Was soll’s?, dachte ich und parkte mitten auf der Straße. Niemand würde es wagen, die Kutsche einer Person des Hauses Flausch anzurühren. So schritt ich nun gemessenen Schrittes in Richtung Rennbahn. Mein adliger Freund sprach in seinem Brief davon, dass wir uns am Eingang treffen sollten. Doch was war das? Im Schlepptau schien er sein Gesindel zu haben. Dabei war ein sehr dünner Mensch, den alle nur Kahl nannten; vielleicht steckte ihm noch die letzte Hungersnot in den Knochen. Ferner sah ich einen jungen, kräftigen Mann, der P. genannt wurde. Nach der Statur zu urteilen arbeitete er wahrscheinlich für von Ullabricht als Gepäckträger. Wenigstens von Ehrenberg und seine Gattin schienen adligen Ursprungs. Wie dem auch sei. Ich wollte mir meinen Ekel nicht anmerken lassen und gab dem niederen Volk die Hand, die ich anschließend heimlich auf Toilette desifizierte.

Nun hatte ich endlich Zeit mich umzuschauen. Mich traf fast der Schlag. Anstatt schön gekleideten Adels prägte niederes Lumpenproletariat das Bild. Menschen mit Pennytüten, die anscheinend ihre Saufkasse beim Pferderennen aufbessern wollten. Ich musste stark bleiben. Die Industrialisierung hatte anscheinend viele Verlierer hervorgebracht. Zum Glück hatten wir Tribünenplätze mit sehr gutem Blick auf die rennenden Gäule. Mein Freund von Ullabricht hatte sich mal wieder als nicht geizig gezeigt. Diese Karten mussten ein Vermögen gekostet haben und waren sicher nicht an jeder Tankstelle kostenlos zu haben.

Schon begann das große Gewette. Besonders interessant erschien mir das Pferd mit dem Namen “Weltmacht”. Nichts anderes war mein Anspruch. Ich suchte also ein paar Gulden zusammen und setzte auf dieses vielversprechende Pferd. Das Rennen begann, die Masse jubelte. “Weltmacht” an drei, mit Tendenz nach ganz oben. Ich atmetet tief ein; das könnte der große finanzielle Befreiungsschlag werden. Doch was war das? “Weltmacht” fiel zurück. Ein Sinnbild meiner Existenz. Mit großem Abstand trottete “Weltmacht” ins Ziel. Ich war konsterniert, aber vor allem aufgebracht ob der dargebotenen Leistung des Reiters. Wild pulsierte das Blut in meinen Adern. Ich wollte Satisfaktion und machte mich auf den Weg, um den Reiter zu finden und zum Duell herauszufordern…
Doch dieser Tag sollte am Ende ganz anders kommen, als die Geschichte vermuten lässt.
Lesen Sie im nächsten Teil, warum Flausch noch in den Knast musste und wieso sein Hass auf die Menscheit noch weiter steigen sollte.

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