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Selbstversuch: Mit Kater zur Entschleunigung

Hamburg (GE) Wofür es Unmengen an Berliner-Start-Ups gibt, reicht ein simpler Selbstversuch: Die Entschleunigung. Experten gehen davon aus, dass in den nächsten Jahren 215,3 Milliarden E-Mails pro Tag versendet werden. 4,5 Mrd. Likes pro Tag gehen auf Facebook ein. 42 Milliarden WhatsApp Nachrichten werden pro Tag hin und her geschickt. Ein Moment der Ruhe wird vielerorts verzweifelt gesucht.

Nach vollbrachter Arbeit, die von etlichen Mails und wirren Telefonaten geprägt war, einfach zu Hause mit der Liebsten entspannen? No way! Wir chatten, liken, posten, teilen, kraulen uns am Sack oder checken Statusnachrichten von Menschen, die wir seit dem Krieg nicht mehr gesehen haben. Und wenn wir sie dann mal im real-life sehen, lieber die Straßenseite wechseln anstatt zu grüßen. Kurz vor dem zu Bett gehen noch schnell die neuesten News auf dem Tablett gecheckt, wird direkt neben dem Kopfkissen der Akku des Smartphones aufgeladen. Vielleicht übertragen sich über Nacht die eingegangenen Nachrichten ja in den eigenen Traum. Spätestens seit Leonardo di Caprios Film Inception wissen wir, dass so etwas geht. Am Wochenende wird die digitale Dauerbefeuerung noch mit dem hauseigenen Smart-TV vollendet. Das Gesellschafts-Echo hat nun versucht, sich 24 Stunden diesem digitalen Stress zu entziehen und wagte den Selbstversuch.

Die Entstehung:
Viele Methoden wurden schon erprobt und als Allheilmittel in den sozialen Netzwerken angepriesen. Hier nur am Rande meine Top 3 aus den Ratgebern dieser Welt. 1.: Ich solle meinen innerlichen Stress einfach weg lächeln. Da gibt es von mir nur ein kurzes aber vehementes: Jaja! 2. Unpünktlichkeit einplanen. Da ich selbst der unpünktlichste Mensch der Welt bin, kann ich ja noch nicht mal mit mir selbst planen. 3. Rechtzeitig die Notbremse ziehen. Aha, denke ich. Wenn auf der Arbeit noch schnell etwas erledigt werden muss, dann erwidere ich zu mir selbst einfach: STOP! Notbremse! Ich mache das einfach nicht, oder wie? Wie man sich schon denken kann, hat keine dieser Methoden tatsächlich nachhaltig geholfen. So entstand die Idee zu diesem Selbstversuch. An welchen Tagen bin ich vollkommen entspannt? An welchen Tagen ist mir mein Smarthpone, Facebook und der XING-Status völlig egal? Richtig! Wenn ich komplett verkatert bin. Sonntags, draussen 29° Sonnenschein und ich liege mit Kopfschmerzen und Übelkeit auf dem Sofa und schaue auf RTL NITRO die Golden Girls. Tolle Idee, also auf zur Tat…

Das Experiment:
Die Idee war schnell geboren und der Masterplan war schnell identifiziert. Den besten Kumpel einladen und vorher die Schnapsregale der Supermärkte leerkaufen. Da man nicht nur mit Schnaps den Abend verbringen kann (Anm. d. Red. Kann man schon, aber dann wird es halt ein kurzer Abend), wurde als „Aperitif“ noch schnell eine Kiste Astra dazu gekauft. Die 30er Kiste versteht sich. Der Abend sollte planmäßig verlaufen. Mein Kumpel stand pünktlich und gut gelaunt vor meiner Haustür (hat offensichtlich Ratgeber Punkt 1) berücksichtigt) und freute sich schon auf die exotischen Getränke, die man aus Schnaps zaubern kann. Zur Begrüßung gab es eisgekühlten Campari Soda. Geht flott los und bleibt gleich im Kopf. Zwei kalte Astra zur Entspannung. Ein Lütten zwischendurch? Jupp, also zwei Helbing fertig gemacht. Statt Bier zum runterspülen, gibt es Cuba Libre. Nach geleertem Glas noch drei Cuba Libre On Top. Das Getränk muss gewechselt werden. Gin-Tonic. Ein Retro-Klassiker wieder hip bei der Jugend und bei Oma immernoch hoch im Kurs. Muss schmecken. Tut es nicht, da die Mischung viel zu stark ist, aber wir sind ja auch gerade dabei der Wissenschaft einen riesen Gefallen zu tun. Nach zwei weiteren Gin-Tonic keinen Bock mehr. Erste Übel-Attacken in der Magengegend. Die Attacken werden einfach mit je vier Erdbeer-Limes weggespült. Ein Bier zum runterkommen. Nächster Drink. Es wird ein Klassiker: Wodka-Orangensaft. Läuft bei uns. Nach dem ersten Glas fällt mir wieder ein, dass ich Wodka-O gar nicht mag. Also: nächstes Getränk. Caipirinha. Viel Alkohol, viel Zucker, wenig Limetten. Nimmt man hierfür nicht  noch Minze? Scheiss drauf, nur Basilikum im Haus. Rupfen, rein damit. So wie ich ihn mag. Nach drei Caipis und drei weiteren Helbing ist es mittlerweile drei Uhr morgens und beide bereit, für den Selbstversuch am nächsten Tag. Gerade aus der Haustür raus, schreibt mein Kumpel mir eine Nachricht: „dfsdgfkhjjsdxxsad!“. Das mit der Entschleunigung klappt ja richtig gut.

Das Ergebnis:
Der nächste Morgen sollte das Ergebnis bringen. Und tatsächlich: Das erste mal die Äugeln auf und schnell auf den Wecker geschaut. 14:36 Uhr. Top. Schon Nachmittag und nicht einmal auf das Handy-Display geschaut. Ich würde mich ja noch etwas weiter im Bett entschleunigen, muss aber wahnsinnig dringend pinkeln. Also Ortswechsel. Vom Bett ins Bad. Vom Bad ins Wohnzimmer und ab auf die Couch. Lange fünf Minuten, die aber von Erfolg gekrönt waren. Ich habe den Weg auf die Couch geschafft. Fernseher an. Alle Kanäle wild durchzappen. Bei RTL NITRO und den Golden Girls hängen geblieben. Ein kurzer Blick auf die Uhr: 15:46. Immer noch nicht auf das Smartphone geschaut. Super, weiß nämlich nicht einmal mehr wo es liegt. Kurz eingedöst und um 19:06 Uhr wieder aufgewacht. Immer noch nicht meinen Facebook-Status aktualisiert. Mittlerweile kommt der Appetit wieder. Also unter die Dusche und Pizza bestellen. Entschleunigte Nahrung will sauber konsumiert werden. Nach dem Duschen und der verspeisten Pizza der erneute Blick auf die Uhr: 20:45. Zeit zu Bett zu gehen. Im Bett angekommen, fallen direkt die Augen zu. Forscher würden jetzt folgenden Satz formulieren:

Experiment geglückt. Dem schließen wir uns an. Wer entschleunigen möchte, braucht keine Smothies oder Darmspülungen. Man muss sich einfach einen Kater antrinken und den nächsten Tag auf sich wirken lassen.

Morgen ist Montag, mein Kumpel hat sich für 11:00 Uhr bereits angekündigt, entschleunigen.

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