Fernschreiber

Dr. P.Oesie Vol. 1

Nun ist es so weit: der Herbst hat Einzug gehalten in mein beschauliches Hamburg.

Bei meinem letzten Spaziergang durch das idyllische Barmbek hielt ich für einen Moment inne und lies, das sich mir darbietende Schauspiel wirken. Eine gewöhnlich starke Brise umgibt des Doktors Haupthaar, so dass er sich gezwungen sieht, die obersten Knöpfe seines Anoraks zu schließen. Zugleich treffen die vermeintlich vorerst letzten Sonnenstrahlen meine Sonnenbrille. Ich entferne die Sehhilfe um einen ungetrübten Blick auf das Spektakel zu erhalten.

Die in Reih und Glied gesetzten Eichen, entlang des von Wurzeln durchzogenen Gehwegs, tragen ihre bunte Robe des Verfalls. Eine akustische Untermalung der besonderen Art erreicht mein Gehör. Herabsausende Eicheln prasseln auf die, am Fahrbahnrand stehenden Vehikel und zaubern eine Sinfonie, die selbst Bach nicht besser hätte schreiben können. Entlang meines Wegs stoße ich auf eine mit Wasser gefüllte Vertiefung und erinnere mich, wie gerne ich als Kind vor Freude juchzend in eben diese gesprungen bin. Das ist passé, denn statt Gummistiefel zieren Floris van Bommel des Doktoren Fuß und ich möchte zu gern trocken mein Ziel erreichen.

Doch was ist das? Ich höre Rufe aus unmittelbarer Umgebung, welche meine Augen dazu veranlassen, sich Einsicht auf einen der vielen anliegenden Fußballplätze zu verschaffen. Es sind die Jungspunde von BU, die ausgestattet mit Handschuhen und Schienbeinschoner, Kälte und Grant trotzen und unter Mobilisierung all ihrer Kräfte bis zur Erschöpfung trainieren. Handschuhe und Schienbeinschoner? Das hat es früher nicht gegeben. Euer Grant war unser Asphalt.

Ich habe es nun fast erreicht, mein Ziel. Doch ein letztes Begebnis erreicht die Synapsen des durch etliche Weinproben geschärften Riechapparats von Herrn P.: Der Duft von fermentierten Blättern liegt in der Luft – erdig, vollmundig, wohlgesonnen – doch etwas stört. Ein Geruch der dort nicht hingehört. Was kann das sein? Ammoniak? Schwefel? Der Herbst steht für den Verfall, aber so? Ich lasse meinen Blick schweifen und stolpere über die Ursache. Ein Obdachloser liegt mitten auf dem Gehweg.

Er knurrt, ich lege mich dazu. Wir schauen in den Himmel und sagen wie aus einem Mund: „Ach, ist der Herbst doch schön!“

Verachtungsvoll Euer Dr. P

 

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